Front an der Sieg

 

Kriegsberichte aus Rossel und Wilberhofen


Nach einem Bericht von Ralf Anton Schäfer aus Betzdorf, Herausgeber des Buches : Kriegsende in der Heimat.

Im Laufe der vergangenen Jahre habe ich das Glück gehabt, viele Veteranen beider Seiten befragen zu können, hierunter auch den ehem. Leutnant Werner Hohmann, welcher als Angehöriger der 11. Panzerdivision mit Resten des 111. Panzergrenadierregiments die Sieg bei Eitorf überquert. 

Vor seinem Tode sind wir einmal in Wilberhofen gewesen und haben uns die Örtlichkeiten angeschaut. Anhängend einmal der 
Bericht Hohmanns zu Wilberhofen: „Bei EITORF mit etwa hundert Mann und drei Haubitzen am 30. März 1945 die Sieg überquert.

Im Wald nördlich Wilberhofen in Stellung gegangen. (Anmerkung – nicht bei Rossel, sondern im Bereich des „Kesselsiefen“)

Befehl vom Regimentsstab: alle Jungen und Gesunden sollen eine Kompanie bilden. Wie soll das ermöglicht werden? Jung sind die meisten, aber alle sind krank! Wer nicht an Durchfall leidet ist an der Psyche erkrankt, andere können keinen Fuß mehr vor den anderen setzen, da diese stark geschwollen oder blutig sind.

Hauptmann Schneider ist sehr erregt darüber, will gar niemanden gehen lassen.

Da die Angelegenheit nicht schnell genug vonstattengeht kommt am Nachmittag Oberstleutnant Rücker in Begleitung des Feldarztes und zwei Sanitätssoldaten.

Man nimmt uns die Entscheidung zur Auswahl ab - damit auch die moralische Verantwortung. Es ist ein „Schlussmachen mit der Durchfall-Kompanie“. Fronttaugliche sollen in den Einsatz. So schlimm ist es geworden. Knapp 70 Männer werden trotz Gegenwehr und Einwände durch Hauptmann Schneider  für den letzten Waffengang ausgewählt, die Geschütze gibt man ihnen nicht mit; Infanterieeinsatz.

(Anmerkung – die Soldaten wurden durch Hauptmann Fritz Rose, Chef einer Kampfgruppe der 363. Volksgrenadier Division übernommen und in dieFrontverteidigung entlang der Sieg zwischen Schladern und Hoppengarten eingegliedert).

Am 31. März 1945 erstes Ausschlafen, dann Geschütze in Stellung gebracht, festgestellt dass eine der Haubitzen wohl durch Fliegerbeschuss stark beschädigt worden ist, eine Reparatur kommt nicht in Frage, Ersatzteile gibt es nicht. (Anmerkung – Hierfür sollte Hauptmann Schneider zur Rechenschaft gezogen werden, da er die Verantwortung über die Geschütze trug.

Durch den Einsatz und Vorreden der Hauptmänner Rose und Mascher würde Schneider nicht in eine „Frontbewährungseinheit“ gesteckt sondern konnte bei seinem Haufen bleiben.

In Wilberhofen musste er sich der Verantwortung gegenüber dem Regimentskommandeur (Oberst Burst in Vertretung des Oberst Kielmannsegg stellen und sollte selbst als Artillerist an die Front. Mascher und Rose kontaktierten darauf den Divisionskommandeur General Weber, welcher darauf selbst in Wilberhofen tätig wurde und Hauptmann Schneider vor Burst in Sicherheit brachte.

 


Hotel - Restaurant Hotel Zum Bahnhof

 

Im Gefechtsstand müssen Worte gefallen sein wie „Heute Abend sind sie besser gefallen!“ Dies ereignete sich in  einem Gasthaus gegenüber des Bahnhofes.  

Die Artilleriegeschütze waren an einem in südwestliche Richtung grenzenden Wald in Stellung gebracht worden. Leider konnten wir 1999 nicht mehr in Erfahrung bringen wo das war.

Außer Lufthoheit der Amerikaner ist von der Existenz des Krieges nicht viel zu spüren. Man hört nur die Kämpfe jenseits der Sieg, sonst trägt es den Charakter eines Aufenthaltes auf einem Truppenübungsplatz, feindliches Arifeuer im Wesentlichen nur auf direkten Frontraum.

Der Gefechtslärm nimmt allerdings stetig zu. Hinter uns rollen eigene Panzer, darunter auch Tiger, nach Osten, ziehen also aus dem Brückenkopfgebiet ab.

So gut es geht wird mit dem verbliebenen Rest noch Ausbildung betrieben und in Fünfergruppen Erholung befohlen. Mittels Lastkraftwagen wird am Abend neben Granatmunition auch Verpflegung für 100 Mann aus dem nahen Ruppichteroth angefahren, wir sind aber nur 30 und können nun einmal Leben wie Götter; endlich wenn auch nur vorübergehend ein Ende der monatelangen Entbehrungen!

Hptm. Schneider nimmt Auszeichnungen vor, Wille und Balock erhalten das EK I, Gutmann, Zauder und Koch werden mit dem EK II beliehen.

Kampmann bekommt als erster in der Abteilung die Nahkampfspange in Silber. Bis zum 1. April in abwartender Stellung gelegen.

Für Geschütze ist Munition vorhanden, wird aber nicht eingesetzt. (Anmerkung – Teile der Munition wurden zurückgelassen bei dem nächsten Stellungswechsel)

Soviel erst mal zum Bericht des Leutnants Hohmann. Nachdem diese dort abgerückt waren, wurden die Ortschaften zum Kampfgebiet.

Es war die Zeit nach dem 2. 4. 45. Die Amerikaner verstärkten ihre Stoßtrupptätigkeiten und hier und da kam es zu Gefechten.

 

Etwa am 2. 4. 45 oder 3. 4. 45 verließ das Pz.Gren.Regt. 111 Wilberhofen und die Grenadiere der 363. VGD richteten sich dort zur Verteidigung ein.

Als der „Abschied“ zwischen 111 und 363 gekommen war, verabschiedete sich Oberst Burst mit den Worten „Und wenn ich euch wieder sehe, dann seid ihr alle Tot oder aber die Sieg-Front in Wilberhofen hat gehalten!“

Zum Glück war Burst nur stellvertretender Kommandeur des Regimentes und wurde durch den Stab der 363. VGD (hier insbesondere durch Major Pauls) im Auge gehalten und es wurden heldenhafte Dummheiten verhindert. Als Kielmannsegg (der eigentliche Kommandeur des Pz.Gren.Regt. 111) wieder zurück war, gab es ein Gespräch zwischen ihm und Major Pauls, wo gesagt wurde: „Auch als Offizier – gerade in dieser 
späten Stunde – muss man seinen Untergebenen gegenüber erst recht noch Mensch bleiben!“

21 cm Mörser gab es nur wenige, welche an der Siegfront zum Einsatz (auch Feuerkampf aufnahmen) gekommen sind:

  1. Werferregiment 55
  2. Heeresartillerieabteilung
  3. Volksartilleriekorps
  4. Volksartilleriekorps

Von den oben erwähnten Einheiten streiften alle den Raum Eitorf, teils nördlich, teils südlich der Sieg, nur aber das Werferregiment 55 ging am 27. 3. 45 noch südlich und nördlich der Sieg in Stellung und führte den Feuerkampf. Mir ist bekannt, dass eine der Abteilungen bei Zitat: „Südlich von Ruppichteroth“ mit zwei 21cm Mörsern in Stellung gegangen waren. Nur konnte ich nie den genauen Ort bestimmen.

Ich glaube, dank Ihrer Mail, dem nun ein großes Stück näher gekommen zu sein! Danke dafür! Hier einmal die Stellenbesetzung der 15. Volkswerferbrigade am 30. 3. 45 :

Stellenbesetzung 15. Volkswerferbrigade

Kommandeur Generalmajor Leo von Zanssen
Werferre­giment 85 Oberstleunant Ewald Kraus
1. Abteilung Major Günter Kleinewitz
2. Abteilung Hauptmann Resch
Verbindungsoffizier Leutnant Matern
Vorgesch.Beobachter Leutnant Thomas
Abteilung 15cm PZ.Werfer 42 Hauptmann Gustav Berndes
Kommandant Sdkfz. 1 Leutnant Georg
Nahschutzkompanie Leutnant Hoffmann
Werferregiment 55 Oberstleutnant Schneider
Führer der Munitionskolonne Oberschirrmeister Walther
Batterieoffizier 2. Batterie Leutnant Mylius

Die Brigade erhielt am 31. 3. 45 den Befehl, den vor Siegen stehenden Amerikaner zu bekämpfen und wurde darauf in den Raum Siegen verlegt.

Hierher kommen also vermutlich die beiden 21cm Geschütze.


Karte zeigt den Frontverlauf


Dank an den Berichterstatter Ralf Anton Schäfer aus Betzdorf

 

Autor: Karl Ludwig Raab
Autor des Textes: Ralf Anton Schäfer, Betzdorf, Kriegsberichterstatter