V2 Raketenzug unter Beschuss

Die Vergeltungswaffe-1, die V-1, wurde in einjähriger Arbeit von der Luftwaffe entwickelt. Sie war ein unbemannter Flugkörper, mit 1000 Kilo Sprengstoff gefüllt, der von Startrampen oder Flugzeugen abgeschossen wurde.

Die V-1 flog in Höhen zwischen 200 und 2000 Metern und hatte eine Fluggeschwindigkeit von 650 Kilometern in der Stunde; eine relative Fluggeschwindigkeit, die Jägern und Flak die Möglichkeit bot, die V-1 abzuschießen.

Als die Front an die Grenze Deutschlands zurückgefallen war, mußten auch die V-1-Abschußstellen zurückverlegt werden.

In der zweiten Septemberhälfte des Jahres 1944 kam der Stab des FlakRegiments 155, der den Einsatz der V-1 leitete, in das ehemalige Arbeitsdienstlager Seelbach bei Siegen. Kommandeur des Regiments war Oberst Wachtel.

Die I. Abteilung des Regiments erkundete im Raum Gummersbach-Wipperfürth, und die III. Abteilung im Raum Weyerbusch-Altenkirchen einen neuen Abteilungsgefechtsstand. Jede Abteilung (a 4 Batterien) hatte dazu 16 neue Stellungen, sowie Ausladebahnhöfe, Gerätelager und Batteriegefechtsstände einschließlich Zwischenunterkünfte zu erkunden. Die Erkundungen standen unter militärischer Geheimhaltung und wurden von kleinen Trupps durchgeführt, die von der Zivilbevölkerung kaum bemerkt wurden. Der Ausbau der Stellungen wurde von der Bau-Organisation Todt, oft in Verbindung mit örtlichen Baufirmen und unter Einsatz von Fremdarbeitern, durchgeführt. So entstanden im bergischen und oberbergischen Land, auf einsamen Höhen, in der Stille der Wälder, betonierte Vierecke für fahrbare Abschußvorrichtungen. Bereits im Oktober 1944 wurden von solchen Betonplatten die ersten V-1 auf Brüssel und Antwerpen, dem Nachschubhafen der Angloamerikaner, abgefeuert. Aber noch waren nicht alle Kinderkrankheiten der neuen Waffe beseitigt. Von 337 Schuß waren 47 Abstürze und Kreisläufer. Dazu vermerkt das Kriegstagebuch des Flak-Regiments 155 unter dem 5. Januar 1945:

„Durch Frühabstürze und Kreisläufer haben sich in jüngster Zeit mehrfach Unglücksfälle auf deutschem Boden ereignet, die unter der Zivilbevölkerung ihre Opfer forderten. Diese Tatsache und ein besonders schwerwiegender Fall, bei dem 5 deutsche Frauen und Männer ihr Leben einbüßten, veranlaßten den Regimentskommandeur, Oberst Wolf (Tarnname für Oberst Wachtel), zu folgendem Tagesbefehl an die Soldaten des Regiments:

„Heute erreichte mich die Meldung, daß wieder ein Geschoß aus den Stellungen der III. Abteilung auf deutschem Gebiet abgestürzt ist. Seit Beginn der Einsätze der II. Abteilung (aus den Stellungen in der Eifel. Anmerkung des Verfassers) fallen Geräte, die im Kreisflug zurückkehren, in Städte, Dörfer und Gehöfte in einem Ausmaß, das erschreckend ist. Viele dieser Abstürze liegen im Ruhrgebiet und bringen dort Angst, Verstörung und Lebensgefahr der Bevölkerung, die durch den Bombenterror unserer Feinde mehr als genug getroffen worden ist.

Der Befehl fordert dann von allen Soldaten des Flak-Regiments 155, bei den Startvorbereitungen und bei der Einstellung der Zielgeräte äußerste Sorgfalt walten zu lassen, „um einen ordnungsgemäßen Flug zu gewährleisten. Nur dann werden Sie vor sich selbst bestehen können! "

 

Fast gleichzeitig mit der V-1 war auch die Vergeltungswaffe-2, auch A-4 genannt, fertig. Die V-2 war eine Mittelstreckenrakete mit Alkohol-SauerstoffAntrieb, die in zehnjähriger Arbeit vom Heer in Peenemünde entwickelt wurde. Sie trug 1 Tonne Sprengstoff und hatte wie die V-1, eine Reichweite von 350 Kilometern. Die V-2 flog mit 5500 Stundenkilometern und erreichte eine Höhe von 90 Kilometern, und war damit weder von Jagdflugzeugen noch von Flak abzuschießen. Die V-2, die von den deutschen Raketenspezialisten von Braun und Dornberger entwickelt wurden, leitete das Zeitalter der Raketen ein, die als größten Triumpf, Menschen zum Monde trugen.

Am 8. September 1944 wurde die erste V-2 aus dem Raum Den Haag (Niederlande) auf London abgefeuert. Die schreckliche auch moralische Wirkung veranlaßte Montgomery und Churchill zur Land- und Luftlandeoperation auf Arnheim, deren Ziel es auch war, die deutschen V-Waffen-Basen in den Niederlanden auszuschalten, weil sie glaubten, den Londonern keinen neuen Winter mit den Schrecken der V-2 zumuten zu können. Die Operation Arnheim schlug fehl und so wurden die V-2 Abschußbasen am Ijsselmeer erst im Frühjahr 1945 zur Verlegung ins Reichsgebiet gezwungen. Die V-WaffenDivision (Armeekorps z.V.) wurde zunehmend von der alliierten Luftwaffe

angegriffen und als die letzte Offensive ins Herz Deutschlands bevorstand, verlegte man sie in den Raum Meschede im Sauerland. Dort erfolgte die Unterstellung aller V-Waffen unter einheitlicher Führung von Generalleutnant der Waffen-SS, Dr. Ing. Kammler.

Diese Ausführungen zur Erklärung der Zusammenhänge mit den „Geisterzügen", die auf fliegergedeckten Eisenbahnstrecken im Oberbergischen, im Sauerland und im Westerland abgestellt waren. Sie waren mit Teilen von V Waffen beladen, die auf Spezialfahrzeuge umgeladen und an die Abschußstellen transportiert wurden. Dort wurden sie zusammengefügt und startklar gemacht.

Aus einer Stellung bei Winterscheid, zwischen Hennef und Ruppichteroth, wurden V-1 abgeschossen. Weitere Stellungen wurden bei Marienberghausen und Drabenderhöhe gebaut. In diesem Zusammenhang erfolgte ein Jaboangriff auf den Kleinbahnhof Nümbrecht, als Hauptmann Blank von einer V-Waffen-Einheit am hellen Tage V-Waffenteile verladen ließ. Dabei wurden mehrere Güterwagen, sowie das Dach des Hauses Fuchs, der Kohlenschuppen von Holländer und eine Autogarage zerstört.

Die V-Truppe beschlagnahmte rigoros Maschinen und Geräte, die sie zum Bau von Stellungen und zum Unterhalt der Abschußrampen benötigte. Auf den benachbarten Bahnhöfen wurde nachts Material ein- und ausgeladen. In Niederbierenbach wurde eine Werkstatt eingerichtet, in der auch die 12 Meter langen mobilen Abschußwagen repariert wurden. Von der Abschußstelle Kreuzheide (bei Windhausen-Marienberghausen) wurde am 7. März 1945 ein einziger Probeschuß abgefeuert, der als Irrläufer um 15.45 Uhr zwischen Bickenbach und Niederbröl eingeschlagen ist. Der Trichter war zwei Meter tief und hatte einen Durchmesser von zehn Metern.

Die V-Waffen wurden in unterirdischen Produktionsstätten im Harz hergestellt und zerlegt mit der Eisenbahn zu den Abschußbasen gefahren. Beispielhaft dazu ein Bericht des Morsbacher Heimatkundlers Christoph Buchen, der über den Transport von V-Waffen auf Rungenwagen, die mit großen Planen abgedeckt waren, berichtet:

„Vom Bahnhof Volperhausen nach dem Bahnhof Hermesdorf hat Albert Katzenbach aus Appenhagen einmal nachts einen V-Zug als Rangierer begleitet. Fünf Güterwagen, mit V-Waffen beladen, wurden an eine Lok, die jeden Abend von Dieringhausen kam, angehängt. Die V-Waffen wurden im Bahnhof Hermesdorf auf Lastkraftwagen umgeladen und dann in Richtung Waldbröl abgefahren. Als dann der Bahnhof Dieringhausen bombardiert und die Drehscheibe zerstört wurde, konnten die Fahrten nicht mehr durchgeführt werden. "

 

 

Quelle: Bis zur Stunde Null, von Wilhelm Tieke