Front an der Sieg und allgemeine Lageentwicklung

 


Generalfeldmarschall Model

 

Als sich abzeichnete, daß die Amerikaner das Ruhrgebiet einschließen werden, beabsichtigte Generalfeldmarschall Model, sich mit seiner Heeresgruppe B zögernd vom Rhein zu lösen und im Osten Anschluß an noch kämpfende deutsche Armeen zu suchen. Dieser Plan wurde von Hitler verworfen, und statt dessen wurde befohlen: Rheinfront halten und auf Einsatz durch die im Raum Wittenberg an der Elbe in der Aufstellung begriffene 12. Armee des Generals Wenck warten.

„Das Hin und Her der Lage und die eigenen Absichten hatte teils nur formale Verschiebungen der Gefechtsgrenzen und Unterstellungen zur Folge," schrieb Generalleutnant von Rantzau, Kommandierender General des III. Flak-Korps, in seiner Studie 1946 im Generals-Gefangenenlager Allendorf, „weil die Truppe sie nur teilweise ausführte oder aus Betriebsstoffmangel nicht ausführen konnte. Eine erhebliche Unordnung war die Folge. "

Als Mitte März die 1. US-Armee aus dem Brückenkopf Remagen ausgebrochen war und Bewegungsfreiheit nach Osten erlangt hatte, wurde auch Models Absicht, mit dem LIII. (53.) Armeekorps des Generals Bayerlein Befreiungsstöße aus dem Raum Siegen, dann Winterberg zu führen, hinfällig. Anstelle des LIII. Armeekorps an der Sieg trat das LVIII. (58.) Panzerkorps. Hierzu schrieb der Kommandierende General Botsch in seiner Studie:

„Nach dem Rheinübergang der Amerikaner bei Remagen erhielt das Generalkommando LVIII den Befehl, vorbereitend auch das Nordufer der Sieg zu besetzen. Der Korpsabschnitt wurde nach Osten bis Hennef verlängert. Der Korpsgefechtsstand war in Seelscheid. Als die Amerikaner weit nach Osten vorgedrungen waren, erhielt das Generalkommando nur noch den Siegabschnitt zur Verteidigung zugewiesen. Er reichte von der Mündung der Sieg bis etwa Alzenbach (3 km ostwärts Eitorf), wurde dann in den letzten Märztagen bis Wissen erweitert (und später noch bis Netphen. Anmerkung des Verfassers). Hierzu wurde die Rheinfront laufend von aktiver Truppe und schweren Waffen entblößt. "

Im weiteren Verlauf der amerikanischen Offensive mußte das LVIII. (58.) Panzerkorps laufend seine Kräfte vom nicht angegriffenen Westflügel auf den bedrängten Ostflügel verschieben und bekam schließlich Ende März den Abschnitt Eitorf — Kreuztal zugewiesen. Rechts schloß das XII. SS- und links das LXXIV. (74.) Armeekorps an.



Einsatz des 18. US Airborne Korps zwischen Sieg und Ruhr im April 1945

 


Karte: Einsatz des XVIII. US Airborne Korps zwischen Rhein und Ruhr



US Generalmajor E.P. Parker jun. Kommandeur der 78. US Infanteriedivision


Auf dem Gefechtsstand der 78. US Infantriedivision in Oberpleis erschienen Oberst (Colonel) John G. Ondrick, Kommandeur des US Infanterieregiments 309, Oberstleutnat (Lentnat-Colenel) Thomas H. Hayes, Kommandeur des Inf.Rgt. 310, Oberst Chester M. Willingham, Kommandeur des Inf.Regt. 311 und der Kommandeur des Artillerieregiments Brigadegeneral Frank Camm mit seinem Executive Colonel Roswell B. Hart.

 

Das war die Ausgangslage, die auch für das Oberbergische Land von Bedeutung wurde. Das LVIII. (58.) Panzerkorps gehörte zur 5. Panzerarmee, die den Rheinabschnitt und den Siegabschnitt bis Kreuztal verteidigte. 

 


Generalleutnant Walter Botsch LVIII. (58.) Panzerkorps

 

 

 
Karte: Einsatz des US 78. Regiments an der Sieg


Deutscherseits verteidigte das LVIII. (58.) Panzerkorps des Generalleutnants Botsch die Siegfront. Es hatte eingesetzt: 272. Volksgrenadierdivision (VGD) (Gen.Maj. König) bei Siegen; 59. VGD (Gen.Ltn. Höcker) bei BetzdorfKirchen; 12. VGD (Gen. Ltn. Engel) am Südrand des Mühlenthaler Forstes; 363. VGD (Gen. Ltn. Weber) zwischen Wissen und Dattenfeld; Daran schloß sich das XII. (12.) SS-Armeekorps mit der 353. Infanteriedivision (Oberst Hummel) an. Die 62. VGD (Oberst Jüttner) lag zur Auffrischung und in Reserve vom 27.-30.3.1945 im Raum Schönenbach, dann übernahm sie den Abschnitt der 12. VGD.

Bereits am 4. April 1945 verlegte Generalfeldmarschall Model sein Hauptquartier von Neuenkleusheim nach Rohde, nördlich von Olpe. Die Amerikaner beherrschten vollkommen den Luftraum und bekämpften die deutschen Truppenbewegungen mit Bomben und Bordwaffen. Auch Olpe wurde angegriffen.

Über die weitere Entwicklung schrieb der Kommandierende General des LVIII. (58.) Panzerkorps, Botsch, in seiner Studie: „Vom 6. April 1945 ab ließ uns der Feind keine Ruhe mehr. Es brannte täglich an allen Ecken und Enden. Das Korps hatte keine Reserven mehr, um noch irgendwo tatkräftig helfen zu können. So kam es auf der ganzen Linie zu einem allmählichen Zurückdrücken der Front und damit zum Engerwerden des Ruhrkessels . . . Das Erstaunliche war, daß die weit ausgedehnte Front des Korps immer wieder geschlossen werden konnte und das Korps am Morgen wieder in einer zusammenhängenden Abwehrfront stand. . . Allzu lange konnte aber auch das nicht mehr gelingen. . . Die Verlegung der Gefechtsstände des Korps sind das beste Beispiel dafür, wie das Korps nunmehr schnell in die „Festung Ruhrkessel" hineingedrückt wurde und wie der Kessel enger wurde: Das Korps verlegte seinen Gefechtsstand am 7.4.1945 von Katzenbach nach Iseringhausen, am 10.4. nach Mittelstebecke bei Derschlag, am 11.4. nach Nieder-Bommert, am 12.4. nach Nieder-Burghof, am 13.4. nach südostwärts von Remscheid, am 14.4. nach Grüne nördlich von Remscheid, am 15.4. nach Schieten. "

In dieser Rückzugslinie lag die Vormarschlinie der 78. US-Infanterie-DiviSion, die Wuppertal als Endziel hatte.

Von der Sieg bis nach Waldbröl

Ernst Bühne ging auch an jenem 5. April bis zur 1. Panzersperre vor und schrieb über seine Eindrücke: „Inzwischen sah ich mir die Panzersperren mal näher an und auch die sogenannte „Front" bei der Präsidentenbrücke. Von einer zusammenhängenden Front habe ich nichts feststellen können. Bei der Präsidentenbrücke lagen zwei Unteroffiziere der Wehrmacht und Volkssturmleute, welche aber nichts über die Besetzung der Front und den Anschluß nach rechts und links sagen konnten. Sie wußten nur, daß auf der anderen Seite der Sieg der Amerikaner ist, den sie des öfteren beobachtet hatten. "

Tatsächlich bestand die Verteidigungslinie an der Sieg nur auf dem Papier. In Schönenbach lag ein schwaches Bataillon der 363. Volksgrenadierdivision, das die Höhen beiderseits des Ortes verteidigen sollte, und nur schwache Vorposten waren bis an die Sieg vorgeschoben. Der Bataillonskommandeur vertrat die Ansicht, daß die Amerikaner nicht auf der Straße im Westertbachtal kommen werden, sondern über die Höhen. Und er sollte recht behalten.

Andere schwache Kräfte der 363. VGD sperrten die „Eisenstraße" (BatailIonsstab in Schnörringen) und die Wisserbachstraße nach Morsbach. Der Gefechtsstand der 363. VGD befand sich in Oberholpe und ab 7. April in Meiswinkel.

Eine andere schwache Einheit der 363. VGD lag bei Rossel und Wilberhofen und sperrte die Straße nach Ruppichteroth. Ihre Vorposten lagen an der Sieg. Bei Wilhelmshöhe (Rossel) war eine Batterie Artillerie in Stellung.

Aus amerikanischen Unterlagen wird ersichtlich, daß das XVIII. (18. ) Luftlande-Korps unter Zeitdruck stand. Das Korps hatte den Befehl, am 6. April zur allgemeinen Offensive anzutreten. Dazu hatte die 8. US Infantriedivision mit ihren Brückenköpfen bei Siegen die Voraussetzungen geschaffen. Die bei Siegburg eingeschlobene 97. US-Inf. Div. hatte ihre Angriffsvorbereitungen noch nicht abgeschlossen und löste noch Teile der 78. Division ab; sie hatte die Kriegsbrücken bei Bonn zu schützen und konnte erst antreten. 

 


US Sherman Panzer und US Infanterie 


Bis zum Abend des 6. April hatten das III. Batallion und das anschließende II. Batallion des Regiments 309 den Brückenkopf Wissen bis auf 6 km Tiefe ausgedehnt. Zunächst galt es aber, Panzer und schwere Waffen in den Brückenkopf nachzuziehen, um am nächsten Tag mit diesen Unterstützungswaffen kraftvoller antreten zu können. Als ein Panzer die notdürftig reparierte Brücke in Wissen passierte, drohte sie einzustürzen. Die Brücke wurde dann nur noch von leichten Fahrzeugen und Infanterie benutzt. In der Nähe wurde von Pionieren des XVIII. (18.) Korps eine Pontonbrücke gebaut, über die Panzer und Artillerie den Uferwechsel vollzogen. In den engen Tälern wimmelte es bald von amerikanischen Soldaten und Fahrzeugen aller Art.

Das von Oberstleutnant Robert Schellman geführte I. Bataillon des US-Infanterieregiments 309 schaffte sich bei Dreisel, Schladern und Imhausen Flußübergänge.

Im Morgengrauen des 6. April war ein Behelfssteg aus kleinen Pontons und Bohlen in Schladern, im Gelände der Fabrik Elmores fertig. Eine Kompanie vollzog den Uferwechsel und nahm Schladern kampflos in Besitz. Um die gleiche Zeit war in der Siegschleife bei Dreisel eine Pontonbrücke fertig, über die Dattenfeld besetzt wurde. Diese Brücke trug auch LKW.

 

Über die Pontonbrücken bei Dreisel und Imhausen verliefen dann auch die Nachschublinien des Regiments 309 und der beigegebenen Panzer und schweren Waffen, und zwar über Dreisel-Dattenfeld-Windeck in Richtung Höhnrath und über Dattenfeld-Schladern-Präsidentenbrücke ins Westertbachtal und mit schwersten Panzern und Fahrzeugen über Imhausen-Hurst die alte „Eisenstraße" hoch. Das III. und II. Btl. des Rgt. 309 zog von Wissen die Wisserbachstraße hoch und wechselte bei Volperhausen zur „Eisenstraße" über, weil auf Morsbach das von Katzwinkel kommende Regiment 310 angesetzt wurde. Bei Volperhausen rückten dann bereits die ersten Teile des Regiments 311 ein, das am 8. April zwischen Waldbröl und Morsbach in die Front der 78. US-Inf.Div. eingeschoben wurde.

Die Geschichte der 363. Volksgrenadierdivision verzeichnet unter dem 6. April 1945:

„Der Amerikaner tritt mit der 78. Division auch in unserem Abschnitt und bei der benachbarten 62. Volksgrenadierdivision zum Angriff über die Sieg an und stößt etwa 6 km nach Norden vor, ohne daß unsere schwachen Kräfte in der Lage sind, ihn irgendwie aufzuhalten .

 


Karte: Kampfgebiet Sieg - Waldbröl 

Am Eckpfeiler des Durchbruchs der 78. US-Infanteriedivision bei Wilberhofen an der Sieg stand noch am 7. April eine kleine Kampfgruppe der 363. Volksgrenadierdivision. Als auch hier am Nachmittag von Dattenfeld Feinddruck einsetzte, zog sich die K.Gr. auf Rossel zurück. Deutsche Artillerie griff von den Nutscheidhöhen in den Abwehrkampf ein. Die Kampfgruppe der Infanterie zog sich in der Nacht zum 8. April und im Laufe des nächsten Tages auf Ruppichteroth zurück. siehe Kriegsgeschichte in Rossel und Wilberhofen

Der Wehrmachtsbericht am 9. April 1945 meldete: „Gestern hat die Schlacht am Nordrand des Ruhrgebietes, an der Siegfront und im Rothaargebirge an Heftigkeit zugenommen. Unsere Divisionen verhinderten überall den vom Feind erstrebten Durchbruch. "


Karte: Einnahme des Oberbergischen Kreises durch US Truppen 1945

„In den beiden für Waldbröl letzten Kriegstagen waren noch 25 Opfer zu beklagen, unter ihnen 11 Bürger unserer Gemeinde," schrieb Otto Budde in seinem Buch „Waldbröl". „Auf den Wiesen am Brölbach, zwischen dem Brölbahnhof und der Gerberei Rudolf Schumacher, und auf einer Weide bei Brenzingen bezog die amerikanische Artillerie neue Stellungen. Aber sie störte den Schlaf der Waldbröler nur noch wenige Nächte, dann war für Waldbröl der Zweite Weltkrieg vorbei. "

Die Gesamtzahl der deutschen Gefangenen des Ruhrkessels betrug nach amerikanischen Angaben 30 Generäle und 325.000 Soldaten, Stalingrad forderte 250.000 Opfer.


Am 17. April zog Generalfeldmarschall Walter Model mit seinen engsten Stabsoffizieren in ein Waldstück südlich von Duisburg; dort erschoß er sich am 21. April 1945, gegen 14 Uhr. Unter Eichen haben ihn zwei seiner Stabsoffiziere begraben. 1955 wurde Model auf den Soldatenfriedhof Vossenack in der Eifel umgebettet.

Das XVIII. (18.) US-Airborne-Korps war mit 84.859 Mann zum „Ruhr Pocket" — wie die Amerikaner den Ruhrkessel nannten — angetreten und hatte nach eigenen Angaben 72 Meilen (ca. 115 km) überrannt und 5000 Quadratmeilen eingenommen. Das Korps meldete abschließend 160.892 Gefangene, darunter 25 Generäle. Es erbeutete oder vernichtete 56 Panzer, 51 Geschütze, 148 Flak, 28 Selbstfahrlafetten und 444 Kraftwagen.

 


US 5 Sterne General Eisenhower (Mitte)  Oberbefehlshaber der angloamerikanischen Invasionsstreitkräfte in Olpe im Stabsquartier der 18. Luftlandekorps am 13.4.1945,
links US General Bradley 13. Armeegruppe, rechts US Generalmajor Ridgway 18. US LL Korps




Quelle: Bis zur Stunde Null, Das Oberbergische Land im Krieg, von Wilhelm Tieke