©Karl Ludwig Raab
Auch bei der Besprechung der wirtschaftlichen Lage des Klosters Herchen macht sich der Mangel an urkundlichem Material besonders fühlbar, aber diese Schwierigkeit durfte uns nicht abhalten, den Versuch zu machen, so weit als möglich auch nach dieser Richtung hin in das Dunkel einzudringen und Licht hineinzutragen. Naturgemäß mußte es beim Versuch bleiben; denn die Quellen fließen eben zu spärlich, um sich ein völlig abgeschlossenes Urteil bilden zu können. Wenigstens sind wir imstande, in einige Zeitabschnitte des wirtschaftlichen Standes des Klosters einen Einblick zu gewinnen.
Wir können dabei drei bzw. zwei Perioden oder Entwicklungsphasen unterscheiden und beobachten. Die erste Phase ist die, in der das Kloster sich auf die Höhe seines wirtschaftlichen Standes bewegte, die zweite ist jene des Stillstandes, die in die dritte des Niederganges sich verläuft. Es ist nicht notwendig zu bemerken, daß während der einzelnen Perioden Schwankungen, wenn auch nicht von größerem Umfange, eingetreten sind; wie wir es auch nicht für notwendig erachten, auf allgemeine Beobachtungen im wirtschaftlichen Leben hinzuweisen. Wir setzten sie als bekannt und gegeben voraus. Die erste Periode umfaßt die Zeit von der Gründung des Klosters an bis zu Anfang des 15. Jahrhunderts; die zweite setzt mit der Wende zu dem 15. Säkulum ein, um allmählich in die dritte überzugehen.
Die Güter und Einkünfte, die Gräfin Mechthilde von Sayn dem Kloster bei seiner Gründung und unmittelbar nachher zugewiesen hatte, sicherten, wie wir wohl nicht zu Unrecht annehmen dürfen und müssen, einer kleineren Kommunität von wenigen Mitgliedern eine gesicherte Existenz. Dabei war es nicht ausgeschlossen, daß die Stifterin selbst auf anderweitige Unterstützung rechnete; denn der Geist christlicher Freigebigkeit gegen die „pauperes Christi“ war noch nicht erstorben und trieb noch seine wundervollen Blüten. Es hatte aber auch gar nicht in der Absicht Mechthildens gelegen, ein größeres Kloster in Herchen ins Leben zu rufen, und da genügte dann auch weniger Besitz. In dem unmittelbar folgenden Zeitabschnitt vernehmen wir von keiner beträchtlicheren Schenkung. Zweifelsohne würden die uns fehlenden Urkunden hiervon Zeugnis ablegen. Der ersten bedeutenderen Vergabung begegnen wir erst im Jahre 1276, wo Gertrud von Geistingen und ihre Tochter Mechthilde das Kloster reichlich bedachten1). Noch einige wenige fallen in die Zeit des 13. Jahrhunderts, um dann im folgenden 14. umso stärker einzusetzen.
Allem Anschein nach erreichte Herchen den Höhepunkt seines wirtschaftlichen Entwicklungsganges mit der Zeit, wo Paza von Halle daselbst das Ordenskleid nahm (1331). Ihre Mitgift und die ansehnlichen Zuwendungen, welche die genannte Nonne ihrem Kloster machen konnte, bedeuteten für dasselbe einen erheblichen Vermögens- und Kapitalzuwachs, um es umso leichter über eine eingetretene Krisis zu verhelfen. Bei der Aufnahme neuer Mitglieder war die vom Generalkapitel vorgeschriebene Zahl der Klosterfrauen erheblich überschritten worden, wobei man die geringe Ertragfähigkeit der Klostergüter außeracht gelassen hatte. Infolgedessen war ein gewisser Notstand eingetreten, der der Finanzkraft des Klosters nicht erträglich war. Abt Wilhelm von Citeaux forderte deshalb den Abt von Heisterbach als den Pater immediatus auf, durch geeignete Maßregeln auch behufs Aufnahme neuer Novizinnen Abhilfe zu schaffen. Eine große Bedeutung ist jener Krise nicht beizumessen, da sie übertrieben erscheint; denn in dem nämlichen Jahre 1331, in welchem Abt Wilhelm von Citeaux jene Aufforderung an den Heisterbacher Abt erließ, war Herchen imstande, durch Kauf zwei Höfe in Eitorf an sich zu bringen. Für den einen derselben warf das Kloster 375 Mark aus; ein Zeichen, daß seine finanzielle Kraft nicht erschöpft war und daß seine wirtschaftliche Lage eine gute zu nennen ist, wenn auch die Ertragfähigkeit einiger Güter wohl etwas gesunken sein mag. Schenkungen größerer Art begegnen wir mit Ausnahme jener von Paza von Halle und Agnes von Herchen5) in der letzten Hälfte des 14. Jahrhunderts nicht mehr. Vereinzelt kommen noch kleinere vor; sie waren nicht geeignet, in der wirtschaftlichen Lage eine Verschiebung zu verursachen. Wir irren deshalb nicht, wenn wir sie zu dieser Zeit als eine geregelte und ziemlich stabile bezeichnen.
Während dieses Abschnittes können wir auch in Herchen eine Erscheinung beobachten, welche dem alten Ordensideal und seinen Prinzipien nicht entsprach und die vielerorts mit zum Niedergange und Ruine führte. Wir meinen damit die Dezentralisation des wirtschaftlichen Betriebes, das Aufgeben einer gemeinschaftlichen Kasse. Bei der Gründung und in der nächstfolgenden Zeit finden wir dies noch nicht ausgesprochen. Erst allmählich, wenn auch in unserem Falle während eines nur kurzen Zeitraumes, machte sich diese Lockerung im wirtschaftlichen Leben bemerkbar; sie lag im Zuge der Zeit. So finden wir auch in Herchen, daß für einzelne etatsmäßige Ausgaben auch etatsmäßige Einnahmen festgelegt waren. Der Konvent, das Refektorium, die Küsterei usf. hatten eigene Einkünfte, die nicht einer allgemeinen Kasse zuflossen, sondern nur eigenen Bedürfnissen dienten. Dies tritt besonders im 14. Jahrhundert deutlich zutage. Aber auch die einzelnen Konventualinnen besitzen ihre eigenen Einkünfte, die Eltern oder Verwandte ihnen bei ihrem Eintritte ins Kloster angewiesen hatten und die in der Regel nach dem Tode der betreffenden Nutznießerinnen dem Kloster bzw. dem Konvente anheimfielen. Dem ersten Beispiel dieser Art begegnen wir im Jahre 1270, wo Ludwig und Gertrud von Geistingen ihren beiden Kindern, den Nonnen Gertrud und Hildegundis Einkünfte von den dem Kloster vergabten Gütern auf Lebenszeit verschrieben1). Hierbei drängt sich von selbst die Schlußfolgerung auf, daß solche Verschreibungen an der Tagesordnung waren, wenn sie sich urkundlich auch nicht festlegen lassen. Ein solches System trägt immer einen gewissen Keim der Zersetzung in sich, und man darf auch hier annehmen, daß es späterhin das Seinige zum Niedergange der wirtschaftlichen Lage beigetragen hat.
Der ersten Periode, die wir mit Recht als die Blütezeit des Klosters auf wirtschaftlichem Gebiete ansehen können, folgte die des Stillstandes, der aber schon Anzeichen allmählichen Rückschrittes äußerte. Die Urkunden lassen uns für die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts fast gänzlich im Stiche. Die Vergabungen, welche das 13. und 14. Jahrhundert zeitigten, fallen weg; denn die Gebefreudigkeit beim Adel und Volk hatte abgenommen und war fast völlig erloschen. Die Klöster waren im gewissen Sinne saturiert. Umwälzungen und Veränderungen auf allgemeinem wirtschaftlichem Gebiete machten ihren Einfluß geltend, wie auch Epidemien wie der „schwarze Tod“ ein übriges verursachten, um den Rückgang zu beschleunigen. Nicht zum wenigsten trug auch die disziplinäre Lockerung des inneren Lebens das ihrige dazu bei. Aber wie gesagt, lassen sich die beiden letzten Perioden nicht so scharf und genau voneinander trennen und unterscheiden, da die zweite in die dritte verläuft und letztere in die vorhergehende vielfach schon hinübergreift. Aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts liegen uns zwei Inventare vor, die sich glücklich ergänzten und uns einen lehrreichen Einblick in die derzeitige wirtschaftliche Lage Herchens gewähren. Sie stammen aus den Jahren 1468 (November 17) und 1475 (Juni 28) und wurden gelegentlich der Visitation durch Abt Friedrich von Marienstatt aufgenommen. Ihrer Bedeutung wegen sollen sie im folgenden vollständig wiedergegeben werden.
