©Karl Ludwig Raab

 

Als Herzog Wilhelm von Jülich-Kleve-Berg im Jahre 1581 über das Kloster Herchen, das sich in einer schwierigen Lage befand, das Todesurteil ausgesprochen hatte, erhielt der Notar Hartliv von der Borgh von dem herzoglichen Amtmanne zu Blankenberg, Wilhelm von Nesselrode zu Ehreshoven, den Befehl, sich nach Herchen zu begeben, um die Inventarisierung der dort befindlichen Urkunden, Briefe, Akten, Rechnungs- und Zinsbücher sowie sämtlicher kirchlicher Utensilien und Hausgeräte vorzunehmen. Am 21. Oktober dieses Jahres entledigte von der Borgh sich des ihm gewordenen Auftrages und stellte bei dieser Gelegenheit über die damals noch vorhandenen Klosterarchivalien ein eingehendes Verzeichnis auf, das uns einen ziemlich genauen Ueberblick über die Bestände gewährt. Annähernd 170 Urkunden, die aber zum größten Teile Lehn- und Gewinnzettel waren, werden im besondern aufgezählt, während auf andere nur im allgemeinen hingewiesen wird. Auch eine ganze Anzahl von Zins- nud Rentregistern wird in dem Inventar aufgeführt, die ihrer Wichtigkeit halber hier verzeichnet werden sollen:

„Ein seir alt Register, daß die Wurm zerfreßen.

Item ein alt Zinß vnd Pecht Zettel gehorich in der kusfe- rien zu Herchen ahnfangent: Dit sein die Zinße; Endende: Item ahn Gelde XI marck II s.

Item ein heiff Zettel vnd Roll vff Pergement in latin geschreben.

Item ein Rhentboich in ein groen Pergements Vmschlag mit einer kramp, also ahnfangent: Register darinnen des Kloesters Herchen; Endende: im biwesen Claes Landt.

Item ein langh Rhentboich. also beginnen!: Item zu Rhamerstorff weinpacht; Endende: davon he 7 f. gifft.

Item noch ein Register befonden, also beginnent: Register vber alle Inkhommende Rhentten; Endende: gilt VIIV2 f. wins.

Item ein alt Register in Jeder gebonden ahnfangent: Anno domini 1471; Endende: Item die Beckersche van Winterscheit 4 albus.

Item ein bauch befonden, was Margrita vam Dreisch ahn erbschafft gegolden, also beginnent: Item Jar alß man zall; Endende: vnd 3 Malder Haveren van dem Jar 79.

Item noch ein Boich befonden, also beginnent: Item dit Erff haet dat Joinffer Cloester zu Herchen; Endende: 3 f. min ein Pint.

Item ein Rechenßboich, also beginnend!: Anno 44 vff Dins- tagh na dem Sondach Jubilafe; Endende: davur mueßen wir decken.

Item noch ein Register, also ahnfangent: Der Junfferen Register von Herchen; Endende: van den Jaren 27 vnd 28 1 albus.

Item ein Pergaments heiff Zettell, also beginnent: Deß nach beschrebene Rhenten ind Pacht.“

Alles, was der Notar an Urkunden usw. im Kloster vorfand, verschloß er in Kisten, welche er zu größerer Sicherheit versiegelte und die dann später auf die herzogliche Burg Blankenberg verbracht wurden. Noch i. J. 1606 wurden die Archivalien von Herchen daselbst aufbewahrt. Wiederholt hatten die Klosterfrauen von Merten, wohin inzwischen das Kloster Herchen inkorporiert worden war, an den Amtmann von Blankenberg sich um Ueberlassung derselben gewandt. Am 1. März 1606 erneuten sie ihr Gesuch, daß ihnen die Aktenstücke wenigstens zur Kopierung verabfolgt würden, da sie infolge so vieler strittiger Fragen über die Einkünfte und Güter des aufgelassenen Klosters in Herchen in eine unsichere und schwierige Lage versetzt wären. Auf diese Vorstellungen hin, die nicht unbegründet waren, wurden den Nonnen die gewünschten Akten und Urkunden allem Anscheine nach ausgeliefert. Dies geht daraus hervor, daß bei der Aufhebung des Klosters Merten zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Archive beider Klöster zu einem vereinigt waren.

Der geringe Bestand des Herchener Archives läßt die Vermutung als sehr berechtigt erscheinen, daß die Klosterfrauen von Herchen für die Wichtigkeit der Schriftstücke nicht das nötige Maß der Wertschätzung besessen haben. Schon die sorglose Art ihrer Aufbewahrung, die man der Inventarauf­nahme leicht entnehmen kann, zeigt dies zur Genüge an. Die Mertener Nonnen hatten ihrerseits das größte Interesse daran, daß vor allem jene Urkunden erhalten blieben, die ihnen von Wert schienen und von Nutzen sein konnten. Daß sie aber auch jene nicht einfachhin wegwarfen, die in gewisser Beziehung für sie ganz wertlos waren, beweist der Umstand, daß noch manche Stücke, die auch einen solch bezüglichen Vermerk an sich tragen, vor der Vernichtung bewahrt blieben. Zweifelsohne mag auch unter ihren Händen das eine oder andere Stück, das wir jetzt sehr vermissen, verloren gegangen sein. Wann und unter welchen Umständen aber die Reste des Herchener Archives eigentlich verschleudert wurden, ist unmöglich festzustellen. Gewiß geht man nicht fehl, wenn man die Hauptschuld der unglücklichen Säkularisation beimißt, die vielerorts unschätzbare Werte zugrunde richtete. Am meisten muß man es bedauern, daß die oben aufgeführten Zins- und Rentregister. wie es scheint, gänzlich der Vernichtung anheimgefallen sind: für eine Geschichte des Klosters ein unberechenbarer Verlust! Leider ist aber auch die Zahl der Urkunden sehr zusammengeschmolzen; nur wenige sind mehr vorhanden. Was zu erreichen war und somit als „Quellen zur Geschichte des Klosters Herchen“ in Betracht kommt, zeigen uns die Bestände folgender Archive:

 

 

 

Quellenverzeichnis