update: 29.05.2025
 
 
 

Es mag die Südseeromantik gewesen sein, die unendlichen Weiten des Stillen Ozeans, die Carl Kammerich faszinierten, als er aufbrach:
Er heuerte zunächst bei der Kaiserlichen Marine an, dann ließ er sich als Polizeioffizier  nach Deutsch-Neuguinea versetzen. Im September 1908 traf der 26 Jahre alte Windecker mit dem Dampfer Langeoog auf der  Karolineninsel Ponape ein, die heute zum Inselstaat der Förderierten Staaten von Mikronesien gehört.  Doch  dort sollte er am 18. Okt. 1910 eine  der gewalttägtigsten Episoden der deutschen Kolonialzeit miterleben: den Aufstand des Volkes der Sokehs auf der Insel Ponape, die damals zu Deutsch Neuguinea gehörte.  
"Carl Kammerich war beim Ausbruch des Aufstandes dabei", hat sein Großneffe Joachim Schneider aus Siegburg recherchiert. Er stand einer Einheit von Hilfssoldaten einer benachbarten Insel vor, die den Deutschen behilflich war, hatte aber Glück und wurde weder getötet 
noch verletzt. Die Niederschlagung der Revolte steht für ein finsteres Kapitel des Kaiserreichs.  



Carl Kammerich als Marinepolizist auf Ponape Deutsch-Neuguinea


Carl Kammerich als Marineoffizier

 
Carl Kammerich als Marinepolizist auf Ponape Deutsch-Neuguinea

Denn die Deutschen, die seit dem Aufstands der Hereo und Nama (1904 bis 1908), den ersten Völkermord der Geschichte zu verantworten hatten, gingen in ihrem westpazifischen "Schutzgebiet" unbarmherzig gegen die Einheimischen vor. Der Inselkommandeur führte schon zuvor ein "hartes Regiment", entnahm Schneider seinen Quellen. Steuerforderungen leistete die indigene Bevölkerung damals meist durch körperliche Arbeit ab.  Als sich ein junger Einheimischer auf der  Nachbarinsel bei der Arbeit den Anweisungen widersetzte, stellten am folgenden Tag auch alle anderen die Arbeit ein. "Als der Bezirksamtmann die Widerspenstigen zur " Raison"  bringen wollte, wurden fünf deutsche Verwaltungsbeamte, darunter der Inselkommandant und weitere fünf in Regierungsdiensten stehende Mikronesier von den Aufständischen getötet", schreibt Schneider. Der Streit eskalierte: Vier deutsche Kriegsschiffe mit insgesamt 52 Geschützen und 745 Mann rückten an, zudem 200 melanesische Polizeisoldaten. Nur mit relativ hohen Verlusten habe der Aufstandniedergeschlagen werden können.      

Sein Großonkel habe später die Angeklagten von der Holzveranda des Bezirkamtes holen müssen, wo sie aneinandergefesselt auf  ihren Prozess warteten. "Das Urteil war hart", so Schneider, "17 der Angeklagten wurden zum Tode verurteilt, die übrigen zu Gefängnisstrafen oder Zwangsarbeit." Noch am gleichen Tag, dem 23 Febr. 1911, wurde das Urteil durch ein Erschießungskommando vollstreckt. "Den deutschen Marinesoldaten und den Polizeimeistern war die Teilnahme an der Hinrichtung untersagt." Sehr mitteilungsfreudig sei der Auswanderer aber zumindest damals wohl nicht gewesen:


Postkarte aus Ponape von 1910


Ansichtskarte aus Ponape von 1910

Auf einer Ansichtskarte von 1910 an die Daheimgebliebenen findet sich nur die Zeile "Viele Grüße an Dich und alle. Dein Carl". Die Karte konnte vor kurzem wegen der seltenen Briefmark für 1800 Euro versteigert werden.

Kammerich kehrte nach Deutschland zurück, heiratete 1920, wurde Vater einer Tochter und starb 1958 mit 76 Jahren. 

Sein Schwiegersohn lebt in Troisdorf: "In meinen Augen war er ein Abenteurer", sagt der 96-jährige. Carl Kammerich, der acht Geschwister hatte, habe sich gegenüber zwei Brüdern benachteiligt gefühlt, als es um die Unternehmensnachfolge des Familienunternehmens ging, einerFeilenfabrik in Wilberhofen, und sich auf in die Ferne gemacht. Zudem sei er ein Naturfreund gewesen, der, in die Heimat zurückgekehrt, eine Pension erhielt und Jagdpächter wurde. Aus Erzählungen erinnert er sich, dass der Schwiegervater den Umgang mit den Einheimischen als ungerecht empfunden hatte. "Mit der Polizei hatte der eigentlich nicht viel am Hut."

Seit 3000 Jahren bewohnt

Die Insel Ponape (heute Pohnpei, früher Accension Island) gehört zum Archipel der Karolinen im westlichen Pazifik und ist vermutlich seit mehr als 3000 Jahren bewohnt. Durch den Verkauf wechselte die Insel 1899 aus dem Besitz von Spanisch-Ostindien als Kolonie ins Deutsche Kaiserreich. Bewohner hatten wie 1910 gegen die Deutschen zuvor schon gegen die spanische Kolonialmacht rebelliert.

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges wurde die Insel widerstandslos von japanischen Truppen besetzt, 1947 UN-Treuhandgebiet unter US-Verwaltung. Die Stadt Palikir auf Ponape ist Hauptstadt der Förderierten Staaten von Mikronesien, die seit 1986 unabhängig sind.

Der Ort der Hinrichtungen von 1911 ist heute eine Gedenkstätte, der Todestag des Anführers Soumadou en Sokehs ein Feiertag.

 

 

Kriegsbilder aus Ponape nach einem Bericht eines deutschen Seeoffiziers von E. Freiherr Spiegel von und zu Peckelsheim

 

Warum ich mein Tagebuch herausgebe.

Über ein Jahr ist hingegangen, sind all das einst Erlebte erscheint mir nur mehr wie ein Traum. Wie eines der sagenumwobenen Wunderländer aus einem  Märchenbuch, so zieht das einsame, palmenrauschende Südsee-Eiland durch meine Phantasie. Ein eigenes,  wunderbares Märchen ist in mir entstanden, Bild schließt  sich darin an Bild, und wenn ich die Gedanken zügeln und ihren Flug zur Wirklichkeit lenken will, dann blättere ich in den Seiten meines alten, regenverwaschenen Tagebuches, das mich auf allen Wegen treu begleitet hat, und aus den hingeworfenen Zeilen weht mich ein Hauch  an von dem Erleben jener tatenfrohen Zeit . Dann sehe  ich alles so deutlich vor mir, greifbar nahe, als wäre  ich noch dort ; sehe die trotzigen Felswände, die reißenden Flüsse, den düsteren Busch, sehe manch liebes, bekanntes Gesicht und manche wutverzerrte Fratze, höre brausendes Hurra und gellend wildes Kampfgeschrei.  Überall dem glühend heiße Sonne, oder zuckende  Blitze aus regenschwangeren Wolken. Und in dem Toben der Elemente, auf schlüpfrig steilen Felsenpfaden, im Knattern und Gelärm des Gefechtes sehe ich euch, ihr tapferen blauen Jungens, in eurem nassgeschwitzten,  zerrissenen, braunen Zeug, die Köpfe dunkelrot vor Anstrengung, das Herz unterm schweren Patronengurt in  Kampfbegeisterung schlagend, doch stets am rechten Fleck, standhaft und unverzagt. Ihr habt gezeigt, was  deutsche Matrosen leisten können, und habt des Vaterlandes Dank verdient. Und darum schrieb ich dieses Buch, daß eure Mühen und eure Taten nicht ganz im Meere der Vergessenheit versinken. Dann tauchen Gräber vor mir auf, Gräber von treuen Beamten und tapferen deutschen Soldaten. Die liegen so weit und sind so wenig gekannt . Auch ihnen soll mein Buch dazu verhelfen, im Herzen des deutschen Volkes den Platz einzunehmen, der ihnen gebührt . Und noch eins! Ihr meine „ schwarzen Jungens " aus Neuguinea sollt nicht vergessen werden. Auch ihr gehört an diese Stelle, denn auch ihr seid deutsche Untertanen und habt mit eurem Blut bewiesen, daß ihr dessen würdig seid. Darum widmet euch euer Chiap aus Ponape, dem ihr so oft das Leben beschützt habt, manche Seite seines Buches. Und wenn ihr selbst es auch nicht lesen könnt und nie etwas davon erfahrt , so wird es doch den weißen Misters und Misses, denen mein Buch in die Hände fällt, zeigen, daß auch unter eurer schwarzen Haut treue Herzen schlagen und ihr gar nicht die Kannibalen seid, für die man euch hier hält . Längst seid ihr wieder zerstreut in die unendliche Einsamkeit eurer düsteren Wälder, seid zurückgekehrt in die palmengedeckten Hütten eurer Väter, wo die immer grünen Brotfruchtbäume kühlen Schatten spenden und treugepflegte Bananenstauden ihre reifen Früchte tief herabneigen : «Komm und pflücke mich !" Und ihr hütet und bewacht ängstlich den kleinen Besitz, den Schweinekral mit den schwarzen und rosigen Ferkeln, das hohe Zuckerrohr am nahen Bach, und liebevoll rankt eure Hand die zarten Schößlinge der Nams um den stützenden Baumstamm, damit er ja recht dick und schwer werde und nicht vor der Zeit verkümmere. Die Kokosnüsse auf euren schlanken Palmen sind euch heilig, und nur, wenn es niemand sieht, und der Durst allzu groß ist, holt ihr heimlich eine herunter, trinkt und eßt sie sorgfältig aus und stopft den Rest des süßen Kerns in die immer hungrigen Mäuler eurer kleinen, schmutzigen Brüder und Schwestern. Das Ivar anders damals, wie ? Wißt ihr noch ? Wißt ihr noch, wie wir gehaust haben in den strotzenden Fruchtgärten Ponapes, wie der Reichtum eines ganzen Volkes in wenigen Tagen von euch verschleudert und vernichtet wurde? Denn ihr wäret mit mir im Krieg gegen Rebellen. Wißt ihr 's noch, wie wir sengend und brennend durch das blühende Land Zogen, wehende Rauchsäulen verbrennender Dörfer als Wegweiser des Tags, als leuchtende Fackel des Nachts ? Wie die dunklen Gewitterwolken über euch rotglühende Ränder bekamen lind ihren Abglanz warfen auf eure regengepeitschte, flimmernde, schwarze Haut ? Wie wir in endloser, schleichender Schlangenlinie in stockfinsterer Nacht durch den Urwald zogen, über Felsgeröll und reißende Wasser, und dann im keimenden Lichte des Tages, wenn der erste Hahn vertraulich krähte , das schlummernde Dorf, das wir umzingelt, überfielen? Mit Hallo und wildem Geschrei, und vielem, vielem unnötigen Schießen: denn „Soldaten " wart ihr eigentlich nicht, wenigstens nicht im Sinne des preußischen Reglements. Aber brave Burschen wart ihr darum doch, treue, tapfere, große Kinder eurer Berge, mit denen es eine Lust war, „Räuber und Gendarm " zu spielen. Und sicher spielt ihr es noch oft, singt zum Klange dumpfer Holztrommeln die wilden Kriegsgesänge eurer Phantasie lind springt an. Vollmondfest, beim großen „Sing-Sing " jauchzend und lachend ums heimatliche Feuer: „Hie Jomatau , hie Policeman ." Dann ist oft euer Chiap von Ponape in Gedanken bei euch unter dem sternbesäten Himmel und sitzt in eurer Mitte auf der erbeutete Königsmatte von Dschokadsch, die ihr für ihn auf den weißen Sand gebreitet habt, und lacht und freut sich mit euch des frohen Festes, gerade so, wie er damals ' so manches Mal nach heißem Kampf still und trauernd mit euch am harten Sterbelager eines Gefallenen saß und beim verlöschenden Feuerschein die Totenwache hielt . Als dann der vorletzte Februartag , der Tag des Abschieds, kam und eure vierhundert schwarzen Fäuste sich mir entgegenstreckten: „good by Chiap, good by master !", da habe ich mir versprochen, euch ein kleines Denkmal zu setzen, damit ihr nicht fehlt in der Geschichte derer, die je für unser Vaterland gestritten und geblutet haben. Mein Tagebuch, so wie es ist, zu veröffentlichen, wäre nicht gut angängig gewesen , denn selbst ich habe oft Schwierigkeiten gehabt, aus den kurzen, verworrenen Notizen den richtigen Sinn herauszulesen. Deshalb habe ich es ausgearbeitet und dort, wo es nötig war, mit ein wenig Phantasie die Bilder und Stimmungen hervorzubringen versucht, wie sie in der Wirklichkeit waren. So übergebe ich es denn der Öffentlichkeit und hoffe, daß es den Leser interessieren wird und ihm ein Bild entwirft von jener spannend schönen Zeit auf Ponape.

Kiel, November 1912 .

Der Verfasser

 


Der Verfasser Oberleutnant zur See Edgar Freiherr Spiegel von und zu Peckelsheim

 


Übersichtskarte der Insel Ponape mit den Schiffslageplätzen der: Planet, Emden, Emden II, Nürnberg, Nürnberg II, Cormoran

 

 
Situationsplan der Operation gegen die Dschokadschinsel Palakir, Tomara und Nankiop

 


Situationsplan der Operation gegen die Nankiop-Stellung

 



Fotogalerie aus den Kriegsbildern des Verfassers

 

Der Polizeimeister Carl Cammerich wird in vielen Seiten des Buches erwähnt und sind nachzulesen unter:

Download des gesamten Berichtes unter Kriegsbilder aus Ponape:
Uni Frankfurt: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/dsdk/content/titleinfo/9020507 

 

https://sammlungen.ulb.uni-muenster.de/hdh/content/titleinfo/3039873

 

Zum Aufstand auf der Insel gibt es auch mehrere Videos auf YouTube. Allerdings sind sie alle auf Englisch. Zumindest auf zwei der gezeigten Fotos habe ich Carl Kammerich erkannt, schreibt Joachim Schneider aus Troisdorf.

Bei diesem Video wird die Geschichte des Aufstands beschrieben und mit Originalfotos und nachgestellten Filmszenen hinterlegt.

Hier findet sich ein kompletter Überblick über die deutschen Kolonien in der Südsee. Der Aufstand wird ab 50:00 Min. behandelt.

Hier findet sich der Aufstand ab 21:00 Min.

 

Der Sokeh Aufstand auf Ponape Vortrag von Max Morlang

 

Chronik des Carl Kammerich und seiner Nachfahren der Familie Carl in Pohnpei

Chronik der Kammerich's aus Wilberhofen ab 1695




Autor: Karl Ludwig Raab


Dank an Herrn Joachim Schneider, Troisdorf

Quellenverzeichnis

Karte:  J. Jost, Dattenfeld
Autoren der Texte: Andreas Helfer, Kölner-Stadt-Anzeiger
Morlang, Thomas, Rebellion in der Südsee, Ch. Links Verlag, Berlin 2010
Englische Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Sokehs_rebellion
Deutsche Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Aufstand_der_Sokehs
Kriegsbilder aus Ponape:
Uni Frankfurt: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/dsdk/content/titleinfo/9020507 
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